TuS Ricklingen
TuS Ricklingen

Die Geschichte des Vereins

Mitbegründer des Turnvereins "Germania" Ricklingen auf dem Vereinsplatz
beim Ricklinger Turm im Jahre der 25jährigen Jubiläumsfeier 1921

Gründungsmitglied Eduard Scharlo:

Es war im Jahre 1896. Öffentliche Verkehrsmittel, wie Straßenbahnen nach Ricklingen, gab es noch nicht. Fahrräder waren sehr selten und nach heutigen Begriffen sehr primitiv. Es gab auch noch kein Kino. Aus all diesen Gründen wurde von der Jugend bei abendlichen Spaziergängen meist das Ricklinger Holz aufgesucht.

So war es auch im Juni 1896, als wir uns mit einigen Freunden auf einem abendlichen Spaziergang befanden und auf der Bauerwiese landeten. Es waren Georg Becker, Eduard Böker, Georg Schäfer und Eduard Scharlo. Das Heu lag in großen Haufen auf der Wiese und wir versuchten, über diese Haufen zu springen. Da schlug Georg Schäfer vor, einen Turnverein zu gründen.

Diesem Vorschlag stimmten sofort alle zu. Es wurde eine Versammlung für die Ricklinger Jugend nach der Gastwirtschaft Nieschlag einberufen. Zu einer Gründung des Vereins kam es aber noch nicht. Wir beschlossen, noch einmal zusammenzukommen.

Um dem zu gründenden Verein einen inneren Halt zu geben, wurden einige ältere Herren eingeladen. Dieses waren Fritz Abelmann, Karl Freckmann und Lehrer Julius Rodekohr. In dieser Versammlung wurde Lehrer Rodekohr zum 1. Vorsitzenden gewählt. Der Verein erhielt den Namen "Turnverein Germania Ricklingen".

Zu Anfang gab es viel Arbeit, galt es doch, Vereinsstatuten auszuarbeiten und Turngeräte zu beschaffen. Diese Aufgaben löste der 1. Vorsitzende in bester Weise. Als Vereinslokal wurde die Gastwirtschaft Nieschlag in der Stammestraße -später das Ricklinger Gesellschaftshaus- bestimmt. In dem vorhandenen Saal konnten wir auch turnen.

Die Anfänge im Turnen waren primitiv. Für das Reck wurden zwei Pfosten aufgestellt. Schwierige Übungen konnten nicht gemacht werden, da man sonst mit der Decke in Konflikt kam. Einen Turnlehrer konnte sich der Verein nicht leisten, denn die Geräte mussten zunächst einmal bezahlt werden. Hier wusste ein junger Turnbruder -Eduard Eichholz- Rat. Er holte sich seinen Freund Conrad Küster aus der Turnabteilung des Arbeiter-Bildungsvereins in Linden heran. Dieser ging mit viel Freude ans Werk und brachte gleich mehrere seiner Turnbrüder aus Linden mit, um uns in die Turnerei einzuweisen. Diese Turner kamen ein ganzes Jahr zu Fuß von Linden nach hier, ohne für ihre Mühen und Arbeit etwas zu verlangen.

Nachdem sich der Verein finanziell besser stand, wurde ein Turnlehrer -William Kachel- vom Turn-Klub zu Hannover eingestellt. Unter seiner Leitung entwickelte sich der Verein, der inzwischen den Namen "Männer-Turn-Verein Ricklingen" angenommen hatte, bedeutend.


Julius Solinger schreibt weiter:

Die Gastwirtschaft Nieschlag, die später mehrfach den Namen wechselte, diente 36 Jahre als Vereinslokal. Da auch Saal und Garten dazu gehörten, konnte der Verein außer dem Turnbetrieb und den Versammlungen auch seine Tanzfestlichkeiten und Kommerse dort abhalten.

In dieser Zeit, als man noch im Saale der Gastwirtschaft turnte, brachte der Turnbetrieb manche Schwierigkeiten mit sich. Die Turngeräte standen in der Turnhalle der Bürgerschule an der Stammestraße. Von dort mussten sie an jedem Turnabend geholt und nach Turnschluss wieder zurückgebracht werden.

Im Sommer wurde im Garten geturnt. Hier wurde auch gelaufen, gesprungen und mit dem Stein und der Kugel gestoßen. Zum Hangeln benutzte man einen großen Birnbaum, der im Garten stand. An ihm wurde in neun Meter Höhe das Tau befestigt, um sieben Meter frei hangeln zu können. Hangeln gehörte damals zu den Wettkampfübungen auf Turnfesten. Größere Strecken lief man auf Chausseen, Wiesen und Waldwegen. Das Turnen beschränkte sich also nicht nur auf die Übungen am Gerät, sondern die so genannten "volkstümlichen Übungen" -Laufen, Werfen, Springen- wurden fleißig für die Wettkämpfe auf den Turnfesten geübt.

Nach einigen Jahren des Bestehens wurde eine neue Vereinsfahne, die auch heute (Anm.: 1956) noch bei besonderen Anlässen benutzt wird, beschafft. Sie wurde an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Mai 1901 im Freien vor dem Vereinslokal in der Stammestrasse feierlich geweiht. Es waren viele Gäste und Vertreter befreundeter Vereine zu dieser Weihestunde erschienen.

Im Jahre 1902 erhielt der Verein zur Freude aller Mitglieder die Erlaubnis, die Turnhalle der Bürgerschule in der Stammestrasse zu benutzen. In dieser Zeit erhielt der Verein auch einen Sport- und Spielplatz am Hemminger Weg gelegen. Das Gelände wurde in liebenswürdiger Weise von der Familie v. Alten aus Ricklingen unentgeltlich dem Verein zur Benutzung überlassen.

Von da ab herrschte in der Turnhalle und auf dem neuen Spielplatz reges Leben. Auf dem Spielplatz trafen sich die Mitglieder nur an den Sonntagen. Zum Umkleiden benutzte man ein kleines Zelt, das jedes Mal dorthin gebracht und immer wieder neu auf- und abgebaut werden musste. Erst im Jahre 1914 erhielten die Mitglieder auf dem Sportplatz eine bessere Umkleidemöglichkeit.

Es wurde ein Eisenbahnwaggon beschafft und unter großen Mühen auf dem Platz abgestellt. Der Transport des Waggons ging durch einen Teil des Ricklinger Holzes - die "Kornhast" genannt- und führte über einen kleinen Graben mit einer Holzbrücke. Obwohl die Brücke durch starke Hölzer abgestützt wurde, brach sie unter der schweren Last des Eisenbahnwaggons auf dem letzten Teil zusammen. Aber das Gefälle des Weges und die Schwungkraft des Fuhrwerks brachten Pferde und rollendes Gut glücklich auf festen Boden.

Im Jahre 1910 erweiterte sich der Turnbetrieb durch die Gründung einer Damenabteilung.

Auf dem Spielplatz des Vereins sollte im Sommer 1914 das Turnfest des Bezirks Hannover-West stattfinden. Alles war aufs Kleinste und vorbildlich zu diesem Fest vorbereitet. Da drohte in den letzten Tagen des Monats Juli der Ausbruch des Krieges. Voll banger Sorge wurde mit dem Bezirksvorstand im Lindener Ratskeller eine Beratung abgehalten, ob das Turnfest trotz der drohenden Kriegsgefahr durchgeführt werden sollte. Plötzlich ertönte lauter Trommelwirbel. Die Sitzung wurde unterbrochen und man eilte auf den Marktplatz. Ein Offizier, der mit einer Abteilung Soldaten aufmarschiert war, verkündete, dass der erste Mobilmachungstag Sonntag, der 2. August sei. Das war gerade der Tag, an dem das Turnfest stattfinden sollte. Schweren Herzens wurde das Fest abgesagt und alle in Gold eingezahlten Beträge für Nenngeld und Festbeitrag erhielten die Vereine zurück.

Viele jüngere und ältere Turner wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Der Turn- und Spielbetrieb lag sehr danieder. Im Jahre 1917 erhielt der Verein seinen jetzigen Sportplatz am Hahnensteg.

Als der Krieg im Jahre 1918 beendet war, hatte der Verein den Tod von 21 seiner tüchtigsten Turner zu beklagen. Ein später aus schweren Findlingen errichtetes Denkmal auf dem Sportplatz am Hahnensteg trägt die Namen der Gefallenen zum ehrenden Gedenken.

 

Läufer des MTV 1919
Turnschau in den 20er Jahren

Nach dem Krieg fand sich die Jugend wieder in der Turnhalle und auf dem Sportplatz zusammen. Kinderabteilungen wurden gegründet und eine neue Blütezeit setzte ein.

Turnerische und sportliche Veranstaltungen aller Art wurden auf unserem Sportplatz durchgeführt. Es sei an das 25jährige Jubiläum im Jahre 1921 und an das Bezirksturnfest im Jahre 1926 erinnert. Beide Feste waren in allen Teilen wohlgelungen. Zu den Nachbarvereinen bestand ein gutes Einvernehmen. So stellte uns der Schwimmverein Aegir bei dem Bezirksturnfest im Jahre 1926 seine an der Beekebrücke gelegene Badeanstalt für die Schwimmwettkämpfe in sportlicher Verbundenheit zur Verfügung.

Auch unsere Sommerschauturnen, die wir auf unserem Sportplatz abhielten, standen auf beachtlicher Höhe. Mitten im Sommer wurde unser Sportplatz drei Tage vor einem solchen Schauturnen völlig unter Wasser gesetzt. Mit Eimern und Tonnen bemühten sich die Mitglieder, das Wasser vom Platz zu schaffen. Nichts fruchtetet. Da stellt uns die Ricklinger Feuerwehr ihre Pumpen zur Verfügung. Bis tief in die Nacht wurde gearbeitet. Das Werk war gelungen und das Fest nahm einen recht schönen Verlauf.
Schulen und befreundeten Vereinen wurde der Platz zu verschiedenen Anlässen zur unentgeltlichen Benutzung überlassen. So konnte die Fußballabteilung der Freien Turnerschaft Ricklingen, die 1933 ihren Sportplatz abgeben musste, ihren Spielbetrieb auf unserem Sportplatz als Mitglieder des MTV aufrechterhalten. Erst im Jahre 1945 kehrte sie als geschlossene Mannschaft in ihren alten Verein zurück.

Auch in der Turnhalle fanden in diesen Jahren der Blütezeit viele wohlgelungene Schauturnen statt. Oft konnten wir bei solchen Anlässen führende Persönlichkeiten der Deutschen Turnerei begrüßen.

Nach 20jähriger friedvoller und glücklicher Arbeit in der Turnhalle und auf dem Sportplatz brach mitten in der Aufwärtsentwicklung unseres Vereins wieder ein unheilvoller Krieg aus. Wie im ersten Weltkrieg, so wurden auch jetzt wieder die Jugend und alle übrigen Mitglieder des Vereins aus ihrer sportlichen und turnerischen Tätigkeit gerissen. Der Übungsbetrieb auf dem Sportplatz und in der Turnhalle litt darunter sehr. Viele kamen aus dem Krieg nicht zurück. Zu ihrem Gedenken ist an dem vorhandenen Gefallenendenkmal eine Tafel angebracht.

Mit dem Einzug der britischen Besatzungsmacht wurden alle Turn- und Sportvereine aufgelöst. Erst im Herbst 1945 wurde den Vereinen in Hannover gestattet, den Vereinsbetrieb wieder aufzunehmen. Zu diesen Vereinen gehörte auch der Männer-Turn-Verein Ricklingen. Da die britische Militärregierung es verboten hatte, die alten Vereinsnamen fortzuführen, wurde bei einer so genannten Wiedergründung am 20. Januar 1946 der Name des Vereins in Turn- und Sportverein Ricklingen von 1896 e.V. umgewandelt.

In allen Abteilungen setzte nun erfreuliche und erfolgreiche Wiederaufbauarbeit ein. Die Mitgliederzahl wuchs ständig, und turnerische sowie sportliche Erfolge konnten weit über den Rahmen des Vereins hinaus verzeichnet werden.

Die englische Besatzungsmacht benutzte unseren Sportplatz in starkem Maße mit. Die Laufbahn wurde einige Zeit sogar für Motorradrennen eingerichtet und benutzt.

Die im Krieg durch Bomben zerstörten Umkleide- und Waschräume auf dem Sportplatz wurden von unseren eigenen Mitgliedern zum Teil wieder aufgebaut.

Sicher wird der Verein durch das z.Zt. im Bau befindliche Vereinsheim auf unserem Sportplatz die Jugend an sich ziehen und einer neuen Blütezeit entgegengehen. Möge im Verein der gute, turnbrüderliche und sportliche Geist für alle Zeiten erhalten bleiben....

Quelle: Festschrift zum 100-jährigen Bestehen

 

Schlagballmannschaft mit dem Schenkendorff-Ehrenschild 1929

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